„Bildung ohne Sackgassen“ – Die Entwicklung eines Nationalen Qualifikationsrahmens in Österreich

Politischer Hintergrund 

Die Entwicklung eines Nationalen Qualifikationsrahmens in Österreich (NQR) führt zurück auf die Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Rates zur Einrichtung eines Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR) für Lebenslanges Lernen aus dem Jahr 2008. Darin rät die Europäische Union ihren Mitgliedstaaten zur Entwicklung und Implementierung von Nationalen Qualifikationsrahmen auf freiwilliger Basis und empfiehlt, diese bis 2010 an den Europäischen Qualifikationsrahmen zu koppeln. Aktuell arbeiten alle EU-Mitgliedstaaten ebenso wie einige Kandidatenländer an der Umsetzung dieser Empfehlung, und setzen damit klare Zeichen in Richtung eines europäischen Bildungsraumes.

Bereits im Kontext der Ratssitzung von Lissabon (2000) wurde vom Europäischen Rat die Notwendigkeit erhöhter Transparenz der europäischen Befähigungsnachweise festgehalten. Die durch den Bologna-Prozess im Bereich der Hochschulbildung vorangeschrittene Idee eines Europäischen Bildungsraumes, wird seit dem Jahr 2002 im Zuge des Kopenhagen-Prozesses auch im Bereich der beruflichen Bildung vorangetragen. Durch die Implementierung der EQR-Empfehlung sollen Transparenz und Mobilität nun in umfassender Weise im gesamten Bildungssystem forciert werden.

Der Europäische Qualifikationsrahmen als Übersetzungsinstrument 

Der EQR ist in seinem Kern ein Vergleichs- und Übersetzungsraster, das die Vielzahl nationaler Qualifikationen europaweit vergleichbar und verständlich machen soll. Er soll Qualifikationen der gesamten Bildungslandschaft, von der allgemeinen und beruflichen Aus- und Weiter­bildung, über die tertiäre Bildung, bis hin zum nicht-formalen und informellen Lernen, anhand von Lernergebnissen abbilden können. Lernergebnisse bilden in der Logik des EQR die gemeinsame Basis für die Beschreibung und Vergleichbarkeit von Qualifikationen in der komplexen und vielschichtigen Qualifizierungslandschaft Europas.

Der EQR beabsichtigt dabei nicht, in nationale Bildungssysteme einzugreifen bzw. entgegen dem Subsidiaritätsprinzip die Kompetenzen der Mitgliedstaaten im Bildungsbereich zu verändern. Zentrales Ziel ist die Schaffung einer „Zone gegenseitigen Vertrauens“, in der Bildungsabschlüsse und die damit verbundenen Lernergebnisse transnational verstanden und transparent dargestellt werden können.

Dadurch sollen insbesondere die im strategischen Rahmen für die allgemeine und berufliche Bildung bis 2020 (Education and Training 2020) von den EU-Bildungsminister/innen definierten Benchmarks und Ziele in den Bereichen Mobilität, Transparenz, Qualität und Lebenslanges Lernen gefördert werden. Auch zur weiteren Stärkung von Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigungsfähigkeit und sozialem Zusammenhalt sowohl der einzelnen Mitgliedstaaten als auch der gesamten Union im Sinne von Europa 2020 trägt der EQR bei.

Zielsetzung und Nutzen des NQR in Österreich

Im nationalen Konsultationsprozess zum EQR (2005/06) wurde die Einrichtung eines NQR auch für Österreich gefordert. Dieser soll alle Bildungsbereiche umfassen und neben formal und nicht-formal erworbenen Qualifikationen auch informell erworbene Lernergebnisse integrieren. Damit wird einerseits die vereinfachte und transparente Zuordnung des österreichischen Qualifikationssystems zum EQR verbunden. Zusätzlich werden weitere bildungspolitische Zielsetzungen, wie die Ausrichtung auf Lernergebnisse, die Förderung der Durchlässigkeit und die Integration von nicht-formalem Lernen, verfolgt.

In erster Linie soll der Nationale Qualifikationsrahmen Systematik in der komplexen österreichischen Bildungslandschaft schaffen, anhand derer nationale Qualifikationen zueinander in Verbindung gestellt und miteinander verglichen werden können. Ziel ist es, zwischen den verschiedensten Niveaus und Bereichen des nationalen Qualifikationssystems zu „übersetzen“, und somit für Klarheit und Verständlichkeit über die verschiedensten Bildungsabschlüsse zu sorgen. Durchlässigkeit, Mobilität und Anerkennung zwischen Bildungssektoren und -institutionen auf der nationalen Ebene sollen dadurch unterstützt werden.

Zusätzlich ergeben sich durch die Koppelung des NQR an den Europäischen Qualifikationsrahmen zahlreiche Vorteile. Für Bürgerinnen und Bürger bestehen diese vor allem in einem europaweiten Verständnis für Umfang und Qualität ihrer Qualifikationen und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten, sich mobil und transparent durch die europäische Bildungslandschaft und den europäischen Arbeitsmarkt zu bewegen. Für Unternehmen ergeben sich Vorteile vor allem durch eine vereinfachte Nutzung nationaler und internationaler Qualifikationen und Potentiale, einen erleichterten grenzüberschreitender Erfahrungsaustausch, und somit eine potentielle Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit.

Struktur und Aufbau des NQR

Der österreichische Nationale Qualifikationsrahmen entspricht in seiner Struktur jener des EQR. Er besteht aus 8 Niveaustufen und den entsprechenden Deskriptoren in drei Dimensionen, den Lernergebnissen (=Kenntnisse, Fertigkeiten, Kompetenzen). Der österreichische NQR umfasst sämtliche Ebenen und Bereiche des österreichischen Bildungssystems. Nach Abschluss der seit 2007 laufenden Entwicklungs- und Implementierungsarbeiten sollen im NQR Qualifikationen aus allen Bildungssektoren mittels kompetenzbasierter Deskriptoren zu einem Niveau des NQR zugeordnet und transparent dargestellt sein. Auf den Niveaus 6 bis 8 sollen Bologna Qualifikationen (Bachelor, Master, PhD) und außerhochschulische Qualifikationen (z.B. Meister, HTL-Ingenieur) künftig parallel zugeordnet werden.

Aktueller Umsetzungsstand

Das Bundesgesetz über den Nationalen Qualifikationsrahmen (NQR-Gesetz) wurde am 10.3.2016 mehrstimmig im Bundesrat beschlossen und tritt daraufhin mit 15. März 2016 in Kraft. Dieses verankert den Nationalen Qualifikationsrahmen (NQR) in Österreich und definiert ein sachverständigenbasiertes Verfahren der Zuordnung von Qualifikationen zu den acht NQR-Qualifikationsniveaus.

Mit Inkrafttreten des NQR-Gesetzes startet die erste Umsetzungsphase, in welcher die für das österreichische Qualifikationssystem wesentlichsten Schul- und Ausbildungsabschlüsse (dies sind u.a. insbesondere Berufsbildende mittlere und höhere Schulabschlüsse, Lehrabschluss, Meister) in der beruflichen Bildung bis Ende 2018 zugeordnet werden sollen. In einer künftigen Umsetzungsphase sollen NQR-Servicestellen die Zuordnung von nicht-formalen Qualifikationen unterstützen. Im Sinne eines umfassenden NQRs wird im Rahmen der Maßnahme 10.3 der Aktionslinie 10 LLL:2020 (Strategie zum lebensbegleitenden Lernen in Österreich) die Entwicklung einer nationalen Strategie zur Validierung nicht-formalen und informellen Lernens verfolgt. So sollen künftig auch auf „nicht-traditionellem“ Weg erworbene Kompetenzen durch entsprechende Validierungsverfahren Sichtbarkeit erlangen und ggf. zum Erwerb von Qualifikationen im Sinne des NQR führen.

Nach erfolgter Zuordnung sollen alle dem NQR zugeordneten Qualifikationen anhand ihre zentralen Lernergebnisse in einem online zugänglichen, mit dem EQR-Portal verknüpften, nationalen NQR-Qualifikationsregister abgebildet, und dadurch national und europäisch sichtbar und vergleichbar gemacht werden.

Die Entwicklung eines Nationalen Qualifikationsrahmens für Österreich sowie des im Juni 2012 vor der EQF Advisory Group in Brüssel präsentierten EQR-Zuordnungsberichts erfolgte unter Federführung des damaligen BMBF (Sektion Berufsbildung)  im Einvernehmen mit dem BMWFW und unter laufender Einbeziehung zentraler Stakeholder und Expertinnen und Experten.

Die Entwicklung des NQR in Österreich erfolgt in engem Zusammenhang mit der Erarbeitung von lernergebnisorientierten Bildungsstandards und dem Qualitätssicherungs- und Qualitätsmanagementmodell QIBB (Qualitätsinitiative BerufsBildung). 

Dokumente

Geändert am: 02.08.2018

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