Spezielle Richtlinien für die Beantragung und Durchführung von Schulversuchen in der Volksschule im Schuljahr 2008/09

Geschäftszahl: BMUKK-39.407/0047-I/1/2007
SachbearbeiterIn: Barbara Hader
Abteilung: I/1
T +43 (01) 53120-4445
F +43 (01) 53120-814445
barbara.hader@bmukk.gv.at

Verteiler: VII, N
Sachgebiet: Pädagogische Angelegenheiten
Inhalt: Spezielle Richtlinien für die Beantragung und Durchführung von Schulversuchen in der Volksschule
Geltung: Schuljahr 2008/2009

Rundschreiben Nr. 5/2008

VORBEMERKUNGEN

Entsprechend den Allgemeinen Richtlinien für die Beantragung von Schulversuchen im Schuljahr 2008/2009, Rundschreiben Nr. 26/2007, GZ 39.407/46-I/1/07, werden für die Volksschule die folgenden speziellen Planungsgesichtspunkte bzw. erwünschten Schwerpunktsetzungen bei der Beantragung von Schulversuchen bekannt gegeben.

1. SPRACHENLERNEN IN DER GRUNDSCHULE

Bei der Lebenden Fremdsprache in der Grundschule wird es v.a. um folgende Projekte gehen:

  1. Sprachintensivierung durch Darbietung von geeigneten Inhalten des Lehrplanes der Volksschule in einer lebenden Fremdsprache durch die Klassenlehrerin bzw. den Klassenlehrer im Ausmaß von maximal einer Unterrichtsstunde pro Tag. Gelegentlich kann der Unterricht in der Fremdsprache auch von Expertinnen bzw. Experten – wenn möglich „native speakers“ – in Kooperation mit der Klassenlehrerin bzw. dem Klassenlehrer erteilt werden, die bzw. der jedenfalls die Verantwortung für den Unterricht trägt.
    Die gemeinsame Planung des Unterrichts der Klassenlehrerin bzw. des Klassenlehrers mit dem „native speaker“ ist eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen des Vorhabens. Beim Einsatz von „native speakers“ ist auf eine dem Grundschullehrer gleichwertige Ausbildung zu achten. Eine grundsätzliche, unverzichtbare Voraussetzung für Schulversuche zur Sprachintensivierung ist es, dass die Klassenlehrerin bzw. der Klassenlehrer über die erforderlichen Qualifikationen zur Erteilung des integrativen Unterrichts in der jeweiligen Sprache ab der ersten Schulstufe verfügt.
  2. Führung bilingualer Klassen bzw. Formen unter bestimmten Voraussetzungen:
    - Zielsprachengemäß gemischte Schülerpopulation zur Gewährleistung des Prinzips des peer group learning (annähernd gleich große Gruppen)
    - für die fremdsprachige Schülergruppe Einsatz von Lehrer/innen, die über ein Lehramt für Volksschulen in Österreich bzw. über eine vergleichbare Qualifikation verfügen und deren Erstsprache nach Möglichkeit die geplante Fremdsprache ist.

Es sollten aber auch alle jene Möglichkeiten zur Intensivierung der lebenden Fremdsprache im unverbindlichen Bereich in Betracht gezogen werden, die bereits mit der Novellierung des Volksschullehrplans (BGBl. Nr. 546/1993) geschaffen worden sind. Dazu bedarf es selbstverständlich keiner Beantragung als Schulversuch. Bezüglich der integrativen Führung einer Lebenden Fremdsprache ab der ersten Schulstufe wird auf die Lehrplannovelle (BGBl. Nr. 310/1998) und deren Publikation in der Broschürenreihe „Aller Anfang“, Heft 5, hingewiesen.

Der Lehrplan für die verbindliche bzw. unverbindliche Übung Lebende Fremdsprache ab der ersten Schulstufe ist im Einklang mit der Fachdidaktik für das frühe Sprachenlernen jeweils für insgesamt vier Schulstufen konzipiert. Es können daher solche Modelle nicht genehmigt werden, bei denen die Fremdsprache z.B. auf der 1. Schulstufe bzw. auf der Grundstufe I zunächst im Rahmen der verbindlichen Übung und in der Folge als unverbindliche Übung angeboten wird. Darüber hinaus ist darauf zu achten, dass i.S. der Kontinuität entsprechende Fremdsprachenangebote in den weiterführenden Schulen bestehen bzw. geschaffen werden.

Die Projektanträge sollten genaue Angaben zu folgenden Bereichen enthalten:

  • zum Gesamtwochenstundenausmaß bzw. Ausmaß der Fremdspracheneinheiten
  • konkrete Maßnahmen zur Qualitätssicherung durch die Schulaufsicht
  • zur Durchführung der wissenschaftlichen Betreuung und Begleitung
  • zum methodisch-didaktischen Konzept mit allen relevanten Versuchsbereichen (wie zum Beispiel von nichtapprobierten Lehrbüchern, Entwicklung von Planungs- und Unterrichtsmaterialien)
  • zu einem seitens des Landesschulrates vorgesehenen Evaluationskonzepts.

Bei der Planung und Durchführung von Fremdsprachenprojekten sollte verstärkt darauf geachtet werden, dass auch jene Sprachen vermittelt werden, die in einem unmittelbaren soziokulturellen Zusammenhang mit den jeweiligen regionalen Bedingungen stehen.

An Projekten, die sich gezielt der Weiterentwicklung der Didaktik der Zweisprachigkeit widmen, besteht besonderes Interesse. Für Versuchsvorhaben im Bereich der lebenden Fremdsprache(n) ist eine intensive Form der Lehrerfortbildung bzw. eine umfassende wissenschaftliche Begleitung, Betreuung und Evaluation durch den Landesschulrat vorzusehen. Präzise Angaben zum Evaluationskonzept dazu sind den Schulversuchsanträgen anzuschließen.

Besonderes Augenmerk ist der „Nahtstellenproblematik“ zu widmen, indem konkrete Maßnahmen und Projekte auch schulartenübergreifend ein konstitutives Versuchselement darstellen.

Bezüglich gänzlich neuer Projekte wird auf Punkt 5.3 des Rundschreibens Nr. 21/2006 verwiesen.

2. ALTERNATIVE FORMEN DER LEISTUNGSBEURTEILUNG

Mit Ausnahme der Möglichkeit gem. § 18 Abs. 2 SCHUG, zur Ziffernbeurteilung verbale Zusätze hinzuzufügen, können alle übrigen alternativen Formen der Leistungsbeurteilung nur im Wege von Schulversuchen (§ 78a SchUG) realisiert werden:

§ 78a: (1) An Volksschulen und an Sonderschulen sind alternative Formen der Leistungsbeurteilung zu erproben, wobei die Selbstständigkeit der Arbeit, die Erfassung und die Anwendung des Lehrstoffes, die Durchführung der Aufgaben und die Eigenständigkeit der Schüler zu beurteilen sind und unterschiedliche Schülerleistungen zum Ausdruck zu bringen sind. In den Schulversuchen ist vorzusehen, dass auf Verlangen der Erziehungsberechtigten die Beurteilung im Jahreszeugnis jedenfalls durch Noten zu erfolgen hat.

(2) Auf Schulversuche gemäß Abs. 1 findet § 7 des Schulorganisationsgesetzes mit der Maßgabe Anwendung, dass die Anzahl der Klassen an öffentlichen Schulen, an denen diese Schulversuche durchgeführt werden, 25% der Anzahl der Klassen an öffentlichen Schulen im Bundesgebiet nicht übersteigen.

In diesem Zusammenhang wird an die ho. Erledigung vom 21. November 2006, GZ 39.407/0063-I/1a/2006 erinnert, wonach bereits in der Schulnachricht der vierten Schulstufe auch die Ziffernnoten aufscheinen müssen.

3. GRUNDSTUFEN- bzw. MEHRSTUFENKLASSEN

Grundstufen- bzw. Mehrstufenklassen sollen ein bestmögliches Eingehen auf die Bedürfnisse des einzelnen Kindes während der vier bzw. fünf Grundschuljahre ermöglichen. Die Vorteile der Schuleingangsphase (Erhalten der positiven Motivation und Lernfreude, Möglichkeiten der Defizitkompensation wie der Begabungsförderung, flexibler Zeitrahmen usw.) sollen für die gesamte Grundschulzeit genützt werden. Die Bildung der Klassen folgt bewusst dem Grundstufenprinzip, berücksichtigt zB reformpädagogische Konzepte mit entsprechenden Erkenntnissen der Lern- und Entwicklungspsychologie und weicht von der im Lehrplan der Grundschule vorgesehenen Trennung des Lehrstoffs in der 3. und 4. Schulstufe (Grundstufe II) ab. Besonderes Augenmerk sollte auf Aspekte des sozialen Lernens gelegt werden.

Da in Grundstufen- bzw. Mehrstufenklassen alternative Formen der Leistungserprobung zum Einsatz kommen, ist dies in der Antragstellung zu vermerken, ohne dass diese Standorte jedoch bei Projekten gem. Punkt 2 dieses Rundschreibens gesondert anzuführen wären.
Auf Wunsch wird Mehrstufenklassen die vom BMUKK produzierte DVD „Es geht auch anders“, die sich mit dem altersgemischten Lernen beschäftigt, über schriftliche Bestellung beim BIFIE in Klagenfurt, (früher Zentrum für Schulentwicklung), gegen Vergütung der Portokosten zur Verfügung gestellt.

4. MATHEMATISCH-NATURWISSENSCHAFTLICHER BEREICH

Internationale Studien wie TIMSS und PISA zeigen die Wichtigkeit der Bildung im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich. An Projekten, die diesem Anliegen besonders Rechnung tragen, besteht seitens des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur daher großes Interesse. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Einbindung des Grundschulbereiches in den Förderrahmen des MNI-Fonds seit dem Schuljahr 2007/08 hingewiesen.

5. VOLKSSCHULEN bzw. VOLKSSCHULKLASSEN MIT MUSIKALISCHEM SCHWERPUNKT

Grundlage für die Beantragung sind die neue Rahmenhafte Projektbeschreibung und der Lehrplanentwurf für die unverbindliche Übung „Vertiefende Musikerziehung“, beide mit Stand: 7. Juni 2006. Die aus den Jahren 1987/88 stammende Projektbeschreibung wird damit außer Kraft gesetzt.

Die neue Projektbeschreibung stellt einen Rahmen dar, der hinsichtlich der höchstmöglichen Wochenstundenanzahl keinesfalls überschritten werden kann.

Instrumentales Musizieren ist, wie in der Projektbeschreibung deutlich ausgeführt wird, ein zu integrierender Bestandteil des Musikunterrichts und stellt keinen eigenen Unterrichtsgegenstand dar. In der Regel ist das Erlernen eines Instrumentes in der Schule daher nicht vorgesehen, denn das zählt nicht zu den unmittelbaren Aufgaben der „Volksschule bzw. Volksschulklassen mit musikalischem Schwerpunkt“. Eine möglichst enge und intensive Zusammenarbeit mit außerschulischen Einrichtungen ist sehr erwünscht.

Für die Aufnahme in eine Volksschule bzw. Volksschulklasse mit musikalischem Schwerpunkt ist keine Eignungsprüfung vorgesehen. Bei der Klassenbildung sollen einzelne Schülergruppen weder bevorzugt noch benachteiligt werden. Über die Aufnahme entscheidet nach Maßgabe der am Schulstandort verfügbaren personellen Ressourcen bzw. Mittel der Wunsch der Eltern bzw. Kinder.

Im Hinblick auf die Pflichtsprengelregelungen der Grundschule ist besonders auf Punkt 3 der Projektbeschreibung hinzuweisen, wonach der Wunsch der Eltern bzw. Erziehungsberechtigten und des Kindes maßgeblich für die Teilnahme am Schulversuch ist. Dies umfasst naturgemäß zB auch eine opting out – Möglichkeit der Eltern und Erziehungsberechtigten an Standorten mit nur einer Klasse pro Schulstufe, ohne dass dies mit einem Wechsel der Klasse oder der Schule verbunden ist („integrative Führung“).

Bei diesem Versuchsanliegen ist i. S. der notwendigen Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung besonderes Augenmerk auf die Lehrer/innenqualifikation zu richten (zusätzlich erworbene Zeugnisse bzw. Diplome, Teilnahme an einschlägigen Lehrer/innenfortbildungsveranstaltungen usw.).

Die Teilnahme an allfälligen weiteren über die in der ho. Erledigung vom 4. September 2006, GZ 39.407/0058 angeführten Evaluationsvorhaben hinausgehenden Untersuchungen wird von den Lehrerinnen und Lehrern der Versuchsklassen erwartet bzw. bei ihnen vorausgesetzt.

Grundsätzlich ist unter Hinweis auf Rundschreiben Nr. 21/2006 darauf zu achten, dass bei den einzelnen Schulen alle zusätzlichen Lehrerwochenstunden, die durch die Führung des Schulversuchs entstehen, im Formblatt angeführt werden. D. h. es sind alle Stunden, die über die Stundentafel der Regelschule hinausgehen bzw. für den erweiterten Musikunterricht benötigt werden, anzugeben. Dies gilt unabhängig davon, ob diese zusätzlichen Stunden von einzelnen Lehrerinnen bzw. Lehrern im Rahmen ihrer Lehrverpflichtung oder allenfalls als MDL gehalten werden.

Abweichend von Rundschreiben Nr. 21/2006 wird bei diesem Projekt um genaue Angabe aller Standorte im Bundesland auf dem einschlägigen Formblatt bzw. einem Beiblatt gebeten. Darüber hinaus sind die Anzahl der Klassen, die Anzahl der zusätzlich erforderlichen Lehrerstunden (s. o.) sowie die Anzahl der Schüler/innenstunden, die Anzahl aller Schülerinnen und Schüler im Schulversuch einschließlich bestehender Kooperationen mit außerschulischen Institutionen bekanntzugeben. Auf ein ausgewogenes Verhältnis der Anzahl der Lehrer/innenwochenstunden zur Anzahl der Schüler/innenwochenstunden sollte besonders geachtet werden.

6. KOOPERATIONSPROJEKTE KINDERGARTEN - SCHULE

Die Bedeutung der Frühförderung auf die kindliche Entwicklung wird durch neue Erkenntnisse in der Hirnforschung belegt und internationale Studien haben den Einfluss auf den späteren Schulerfolg der Kinder nachgewiesen. Das Projekt der österreichischen Bundesregierung, die frühe sprachliche Förderung der Kinder in Abstimmung mit den einzelnen Bundesländern zu intensivieren, stellt daher einen sehr wichtigen Schritt dar. Besondere Beachtung sollte daher der Nahtstelle zwischen Kindergarten und Grundschule geschenkt werden. Es besteht großes Interesse an Schulversuchsvorhaben, in denen die Kooperation mit dem Kindergarten in besonderer Weise gepflegt wird und die dazu beitragen, den Kindern einen guten Schulstart zu ermöglichen.

7. MASSNAHMEN ZUR BEGABUNGSFÖRDERUNG

Kennzeichnend für derartige Versuche könnten sein: Individualisierende und differenzierende Formen von Lernanreicherung und -beschleunigung („enrichment“ und „acceleration“), insbesondere in begabungs- und interessenfördernden Projekten.

Dies betrifft zB:

  • Steigern der Grundfertigkeiten
  • Fächerübergreifende Aspekte und qualitätsfördernde Maßnahmen
  • Aspekte des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts einschließlich wichtiger Querverbindungen

Bei allen Maßnahmen zur Begabungsförderung ist darauf zu achten, dass sie grundsätzlich im heterogenen Klassenverband realisiert werden können.

8. SONSTIGE VERSUCHSVORHABEN

Bei anderen als den in den Punkten 1 – 7 angeführten Schwerpunktsetzungen wird der Landesschulrat (Stadtschulrat für Wien) gebeten, genau zu prüfen, ob die von den einzelnen Schulen vorgelegten Schulversuchsanträge mit dem allgemeinen Bildungsziel der Volksschule, eine für alle Schülerinnen und Schüler gemeinsame Elementarbildung zu vermitteln, im Einklang stehen bzw. im Rahmen der derzeit gültigen Lehrplanbestimmungen auch ohne Schulversuch zu realisieren sind.

9. ABSCHLIESSENDE BEMERKUNGEN

Entsprechend dem Allgemeinen Richtlinienerlass sind nur jene Elemente Teil des Schulversuches, die in den diesbezüglichen Formblättern aufscheinen. Es wird gebeten, die Formblätter genau zu überprüfen. Projekte, die wieder beantragt werden, sind auf den rosa Formblättern zu aktualisieren und Vermerke bzw. Korrekturen anzubringen. Das Konvolut der für das Schuljahr 2007/08 genehmigten Schulversuche wird gesondert übermittelt werden.

Die Anträge für das Schuljahr 2008/2009 sind mit den aktualisierten bzw. neuen Formblättern dem Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, Abteilung I/1, bis längstens 15. April 2008 vorzulegen.

Mit freundlichen Grüßen

Wien, 11. Februar 2008

Für die Bundesministerin:
Dr. Wilhelm Wolf

Geändert am: 06.04.2018

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